„Vergeben und Vergessen“ sagt der Volksmund und spricht in diesem Falle Wahres. Egal ob sich die vom Chef versprochene saftige Gehaltserhöhung in Wirklichkeit nur als mickrige Inflationsanpassung entpuppt oder ob sich der am Telefon reservierte beste Tisch im Stammlokal, als Platz an der Tür mit Zugluft im Rücken herausstellt, nachdem man seinen Ärger via Twitter in die Welt hinausposaunt hat, beginnen die Kränkungen schon wieder zu verblassen. Noch besser, nach einiger Zeit können wir uns nicht mal mehr daran erinnern, vergessen eben, und damit auch vergeben.
Dabei ist das Vergessen gar kein Fehler im komplexen cerebralen System der vernetzten Neuronen, im Gegenteil, der französische Philosophen Paul Ricœur (1913-2005) lehrte, dass das Vergessen gar eine aktive Leistung des Menschen ist, um überhaupt vergeben zu können. Doch gerade das Vergessen fällt in Zeiten des WEB 2.0 mit seinen zahlreichen Foren und weit verbreiteten Netzwerken, mit seinen Millionen Seiten und optimierten Suchmaschinen immer schwerer. Nichts, rein gar nichts wird vom Netz je vergessen sagen Experten, dafür kann von allen alles gefunden werden, was lieber im Verborgenen hätte schlummern sollen. Wer beispielsweise auf Löschung pikanter Fotos in diskreditierenden Posen hofft, welche aus Versehen in Umlauf gekommen oder vom enttäuschten Expartner verbreitet worden sind, der hofft oft vergebens. Da greift selbst die Justiz ins Leere, denn die Server mit den kompromittierenden Daten stehen oft in Ländern, an denen die österreichische Unterlassungsklage abperlt, wie das Massage Öl am eigenen Körper des anrüchigen Fotos, das der Exfreund damals doch nur so zum Spaß gemacht und sich inzwischen auf Tausenden Sexseiten ausgebreitet hat. Eine deutsche Frau, der genau dieses passierte, sah sich am Ende sogar gezwungen die eigene Identität zu wechseln, da findige Internetfreaks ihren wahren Namen preisgegeben hatten. Das ist natürlich ein Extrembeispiel, viel öfter sind es kleine scheinbar harmlose Details ihres Lebens, die die Menschen oft selber in soziale Netzwerke stellen, die sie später bereuen, aber kaum mehr aus der Welt zu schaffen sind. Bei durchschnittlich 300 Facebook Freunden, keine Seltenheit heutzutage, hat man längst die Kontrolle darüber verloren, was davon kopiert und verbreitet wird. Zum Beispiel der Spendenaufruf der angehenden Zahnärztin, die einen eigenen Spendenaufruf statt für Haiti, für Tahiti auf Facebook postet, wer weiß, vielleicht verwechselt sie später auch gesunde mit kranken Zähnen.

Oder die junge Frau aus Wien, deren Freundin nach durchzechter Nacht der beiden für alle öffentlich an ihre „Pinnwand“ schreibt, dass sie das Handy der Freundin in ihrer Handtasche gefunden habe. Sie könne es jederzeit holen, was diese wahrscheinlich auch getan hat, nachdem sie ihre rosa Netzstrümpfe und den rosa BH angelegt hat, stolz werden die Dessous auf ihren Bildern präsentiert. Der Arbeitgeber wird entzückt sein, sollte er je darüber stolpern. Im schlimmsten Fall wird man diese Informationen noch die nächsten 100 Jahre oder länger abrufen können. Eine kurze Suche bei Google kann somit jedem zum Verhängnis werden, wenn Jugendsünden auf immer und ewig im Internet gefangen sind. Der Kanadier Andrew Feldmar beispielsweise darf seit 3 Jahren nicht mehr in die USA einreisen, weil ein Grenzbeamter bei einer Google Suche herausgefunden hat, dass dieser über seine Experimente mit LSD in den 60er-Jahren ein Buch geschrieben hatte. Vergessen zu können ist eine Leistung, die das Internet erst lernen muss, sagt der Forscher Mayer-Schönberger. Er tritt für ein Verfallsdatum von Informationen ein. Ähnlich einer abgelaufenen Milch, die wegschüttet wird, könnten dann Programme „abgelaufene“ Information in den elektronischen Gully schütten. An der University of Washington arbeiten Wissenschaftler bereits an der Entwicklung derartiger Software.
Bleibt zu hoffen, dass dieses Programm namens Vanish schneller entwickelt wird, als uns die eigene Twitter Meldung über den geizigen Vorgesetzen und den geldgierigen Stammlokalbesitzer über das Internet wieder einholt, denn dann können beide das Vergeben wohl oder übel vergessen.